Polizei (über)leben. Survival im Berufsalltag

Der Pfarrer und das Feuer
Wildniscamp Hütte innen
Gute Nacht! Ein Blick ins "Schlafzimmer". Foto: Ingo Düster

„How to shit in the wood“ – oder: Wie das Feuer weiter brennt

Wildniscamp mit Landespolizeiseelsorger Uwe Hackbarth-Schloer

„Es ist halt die Eifel“, sagt Polizeipfarrer Uwe Hackbarth-Schloer und lacht. Wildnis-Feeling ließe sich zwar in Kanada besser nachempfinden, aber Eifel geht auch, um herauszufinden: Wie viel braucht es, um (m)ein Feuer zu entfachen? Elf Polizistinnen und Polizisten aus ganz NRW, Rheinland-Pfalz und dem Saarland haben sich bei einem Wildniscamp der Evangelischen Polizeiseelsorge auf ein (kleines) Abenteuer eingelassen. Keineswegs theoretisch, sondern mit Feuerbohrer, Messer, Holz – und reichlich Gelegenheit, über das eigene „innere Feuer“ nachzudenken...

Um das Ganze richtig würdigen zu können, bedarf es zunächst einer Schilderung des Ambientes.

Tatort: Kleines Waldstück außerhalb von Dahlem. Eine ehemalige Sandgrube, heute Wildniscamp. Holzhütten mit Holzliegen, ein Pavillon, Feuerstellen, Waschkabinen mit Kanister und zwei Komposttoiletten, „outhouses“ genannt. Gewöhnungsbedürftig?

„Sagen wir mal so…“, schmunzelt der Outdoor-erfahrene und (tatsächlich!) als „Wildnislehrer“ ausgebildete und zertifizierte Pfarrer, „es ist nicht so gewöhnungsbedürftig wie ganz ohne Klo! Dann müsste man sich draußen im Wald über einen Baumstamm setzen…“

Komposttoilette
Es hätte schlimmer kommen können: Das "Örtchen". Foto: Ingo Düster

Oder, spinnt Hackbarth-Schloer mögliche „Örtchen-Qualen“ fort, man hätte diese altfranzösischen Klos, bei denen man sich mit heruntergezogener Hose über ein Loch im Boden hocken muss. Für weitere Infos verweist er auf den Ratgeber „How to shit in the Wood“.

Ansonsten: Kalte Dusche, auch draußen, mit Wassersack am Baum und umhüllt von einer Plastik„kabine“. Das alles bei nächtlichen August-Temperaturen um die sieben Grad. Nichts für „Warmduscher“…

Trotz massiver Erschöpfung

Elf Polizistinnen und Polizisten – sechs Frauen und fünf Männer – aus verschiedenen Arbeitsbereichen und Hierarchieebenen ließen sich darauf ein. Bemerkenswert: Eine Teilnehmerin verzichtete gar auf jeden Komfort und schlief im Biwakschlafsack, ganz im Freien.

Warum sich das antun und nicht lieber ins Wellnesshotel ziehen? Einige kamen schließlich ziemlich erschöpft im Wildniscamp an. „Ich habe super Stress im Moment. Es geht mir bis hier“, beschrieb ein Teilnehmer seine Situation. Er wusste, dass ihm Natur guttut: „Ich muss da raus. Ich will nicht viele Leute sehen. Ich brauche einfach mal Natur um mich herum.“

Überblick Wildniscamp
Zwar nicht Kanada, aber Natur genug: Eifel-"Wildnis". Foto: Ingo Düster

Andere wollten Wildnistechniken lernen oder interessierten sich schlicht fürs Feuermachen. Gemeinsam war ihnen die Bereitschaft, sich drei Tage lang auf etwas völlig anderes einzulassen. „Kleine Gedanken vor den Mahlzeiten, Gespräche am Feuer, nichts Aufgesetztes“, erinnert sich Polizeihauptkommissar Ingo Düster aus Swisttal. „Das gibt einen Anker. Gibt Ruhe. Gibt so Impulse zum selber Nachdenken.“

Und genau darum ging es Uwe Hackbarth-Schloer, der in der Runde am Feuer (natürlich) die Frage stellte: Was hat das Ganze eigentlich mit Polizei zu tun?

Vier Dinge zum Überleben

Angenommen, man stürzt mit einem Flugzeug irgendwo in Kanada ab. Was braucht man zum Überleben? Vier Dinge, lernt die Gruppe: Shelter, Water, Fire, Food. Schutz. Wasser. Feuer. Nahrung. Klassisches Survival-Wissen.

Aber Uwe Hackbarth-Schloer und sein Mitstreiter Dirk Heiber lassen die Frage nicht lange im kanadischen Wald liegen: Was brauche ich zum Überleben im Polizeialltag? Wo ist mein geschützter Ort? Was gibt mir Energie? Und vor allem: Wie sieht es mit meinem Feuer aus?

„Bin ich (noch) am Brennen? Geht die Glut schon aus? Oder bin ich schon verbrannt?“, formuliert Hackbarth-Schloer die Fragen zur Selbstreflexion.

Größeres Feuer im Kessel
Feuer: Garant für Extreme. Überleben. Verbrennen. Foto: Ingo Düster

Feuer wärmt, gibt Energie und Licht. Aber es kann auch verzehren: „Wenn es gut geht, brenne ich für etwas, ohne dass ich verbrenne.“ Und dann gibt es jene Variante, die vermutlich nicht nur Polizeibeschäftigte kennen: „Holz nachlegen, Holz nachlegen, Holz nachlegen.“ Immer weiter…

Oder das Gegenteil bzw. das Ende: „Mit Brennen ist nicht mehr viel. Da glimmt es nur noch.“

Solche Sätze kennt Hackbarth-Schloer aus Gesprächen mit Polizeibeschäftigten. Manche warteten eigentlich nur noch darauf, dass die Zeit bis zur Pensionierung vergehe. Andere sagten ganz offen: „Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich noch für die Polizei brenne.“

"Ohne das Innere Feuer ließe sich das herausfordernde Berufsfeld Polizei auf Dauer nicht gut überleben."

Uwe Hackbarth-Schloer

Utensilien zum Feuermachen
Sieht rustikal aus. Ist es auch. Das "Feuerzeug", Marke outdoor. Foto: Ingo Düster

Zack! Jetzt brennen wir!

Am nächsten Tag wird aus dem Bild vom Feuer handfeste Arbeit. Die Gruppe soll mit einer uralten Technik Feuer entfachen: mit Holz, Reibung, Druck, Bewegung, Geduld – und erstaunlich viel Feingefühl.

Nicht einfach. Eine Art Spindel muss mit dem richtigen Druck auf das Brett gebracht und gleichzeitig der Bogen in der passenden Geschwindigkeit bewegt werden. Der „bowdrill“. Zu wenig funktioniert nicht. Zu viel aber auch nicht.

bowdrill
Im Ernst? Der "bowdrill"... Foto: Ingo Düster

Selbst Glut muss erst vorsichtig übertragen werden. Sie braucht vorbereitetes Material, Luft, Aufmerksamkeit und Schutz, damit daraus tatsächlich ein Feuer wird.

Nicht alle schafften es. Das war einkalkuliert. „Der heutige Tag wird lehrreich, aber auch frustrierend sein“, hatten die Seminarleiter prophezeit und getröstet: „Frust kann auch lehrreich sein.“ Hackbarth-Schloer selbst hatte die Technik während seiner Wildnisausbildung auch nicht auf Anhieb geschafft, sondern erst zuhause – mit viel Geduld und Hartnäckigkeit.

Viel Druck macht noch lange kein Feuer

Teils stundenlanges Fummeln bewirkt dann aber eine ganze Menge. Auch Einsicht für Führungskräfte. „Ich muss mir bewusst machen: Dafür, dass in meiner Truppe ein Feuer brennt, muss ich etwas tun“, fasst Hackbarth-Schloer eine Erkenntnis zusammen. „Und eventuell eine ganze Menge.“

Motivation lässt sich nicht anordnen. „Das geht nicht einfach so: Zack! Auf Kommando – Augenblick, jetzt brennen wir.“

Schön wär’s.

Ein Teilnehmer bringt es auf den Punkt: „Das wird mir jetzt bewusst. Ich muss ganz schön was dafür tun, damit da Feuer entsteht.“

Noch etwas lernen die Teilnehmenden beim Feuerbohren: Druck und Geschwindigkeit müssen zusammenpassen. Wer immer mehr Druck macht und gleichzeitig das Tempo erhöht, produziert irgendwann vor allem eines: Abrieb. „Wenn das Verhältnis falsch ist, verbrauche ich viel Material“, erklärt Hackbarth-Schloer. „Dann produziert man jede Menge Abrieb – aber noch lange keine Glut.“

Auch ein gutes Bild… Zu viel Abrieb = Burnout…

Der Transfer zum Polizeialltag liegt nahe. Mehrere Dinge gleichzeitig erledigen. Neue Aufgaben, bevor die alten abgeschlossen sind. Tempo. Druck. Noch ein Einsatz. Noch eine Mail. Noch schnell dies und das. Und Pausen? Die erscheinen schnell wie verlorene Zeit.

Pfarrer und Kollege zeigen wie Holz vorbereitet wird
Zu zweit geht manches besser, auch Hilfe bedeutet: Weniger "Abrieb". Uwe Hackbarth-Schloer und Co-Trainer Dirk Heiber. Foto: Ingo Düster

Im Camp funktioniert das anders. Wer beim Schnitzen merkt, dass die Hand wehtut, legt das Messer weg. Wer beim Feuerbohren festhängt, macht eine Pause, schält Möhren oder geht spazieren. Und plötzlich klappt, woran man vorher gescheitert war.

„Manchmal braucht es Pause, manchmal Abstand, damit Dinge sich setzen können und damit das Körpergedächtnis anfängt zu wirken.“

Kein Stundenplan mit einer halben Stunde für dieses oder jenes Thema. Für die Erfahrung mit dem Feuer gab es einen ganzen Tag. „Ich verlasse den polizeilichen Raum“, beschreibt Hackbarth-Schloer das Besondere. „Ich bin in einem ganz anderen Lernraum, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Und dort läuft Lernen nicht in erster Linie über den Kopf: „Die Vermittlung geht über die Erfahrung und über den Körper.“

Wenn die eigene Kraft nicht reicht

Aus elf Menschen aus unterschiedlichen Dienststellen, Regionen und Funktionen wurde erstaunlich schnell eine Gruppe. Das ist keineswegs selbstverständlich. Polizei sei einerseits „eine große Familie“, sagt Hackbarth-Schloer. Andererseits wisse man bei einem landesweit ausgeschriebenen Seminar nie, wer dort auf wen trifft – und welche alten Geschichten möglicherweise gleich mit am Lagerfeuer sitzen.

Diesmal hat es funktioniert. Die Teilnehmenden halfen sich gegenseitig, gerade beim Feuermachen, wenn Kraft, Kondition oder Geduld nachließen. Auch das lässt sich aus dem Wald mitnehmen: Man muss sein Feuer nicht immer allein am Brennen halten. Manchmal braucht es jemanden, der anfeuert. Und manchmal jemanden, der merkt: Jetzt ist eine Pause dran.

Pizza im Wildniscamp
"Wildnis"-Pizza. Schmeckt! Foto: Ingo Düster

„Ich dachte, mir platzt der Kopf“

Was drei Tage „Basics“ bewirken können, zeigt sich in der Abschlussrunde. Einer der Teilnehmer war mit dem Gefühl angereist: „Ich habe Stress bis hier gehabt. Ich habe gedacht, mir platzt der Kopf.“ Nach gerade einmal zwei vollen Tagen klingt es anders: „Ich bin so entspannt.“

„Man ist ja dann nur noch fokussiert auf eine einzige Tätigkeit und hat nicht drei oder vier Baustellen gleichzeitig. Das ist ein Runterkommen, wie Auftanken“, beschreibt Hackbarth-Schloer die Rückmeldungen und freut sich: „Irre, dass das funktioniert hat.“

Vielleicht ist es gar nicht so irre.

Im Camp läuft keine Musik nebenher. Kein Fernseher. Wenig Ablenkung. Man ist draußen und beschäftigt sich mit dem, was gerade vor einem liegt: Komposttoilette bewältigen, kaltes Wasser aus dem Kanister bekommen, eine Holzschale herstellen oder „Wildnispizza“ mittels Feuer.

Polizei-/Seelsorge im Wildniscamp: Absolut kein Bibelkreis!

Das Feedback in der Runde war positiv. Manche wollten die Erlebnisse für sich behalten, damit das Seminar im nächsten Jahr nicht zu voll wird. Andere wollten ihre positiven Erfahrungen weitergeben. Denn: „Ich glaube, meine Kollegen verstehen überhaupt gar nicht, was wir hier machen. Die haben alle gesagt: Gehst du wieder zu deinem Bibelkreis?, als ich gesagt habe, ich fahre mit der Polizeiseelsorge weg!“

So kann man sich irren!

Eifel am Abend
Abendhimmel über der Eifel. Feuerrot. Foto: Ingo Düster

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus drei Tagen Wildnis in der Eifel: Es geht gar nicht darum, möglichst lichterloh zu brennen. Sondern darum, das eigene Feuer so zu hüten, dass es wärmt und Kraft gibt.

„Ich brauche Feingefühl, Verständnis für Prozesse: Wo ist zu wenig, wo zu viel in Bewegung? Denn ansonsten verbrauche ich meine Ressourcen, ohne dass irgendeine Form von Glut entsteht.“

Uwe Hackbarth-Schloer ging es darum, Impulse zu geben – auf eine für einen Seelsorger ungewöhnliche, bodenständige, den ganzen Menschen berührende Art. „Feuer kann erschaffen, Feuer kann zerstören“, sagt er und hofft, dass das Naturerlebnis den Polizistinnen und Polizisten diese Doppelwirkung einprägt. Um sich letztlich immer wieder zu fragen:

„Was gibt mir eigentlich Energie, um meine Arbeit machen zu können?“

Ohne selbst zu verbrennen.

Bericht: Barbara Siemes