Berufsethik bei der Polizei

Mensch
Foto: pixabay / StockSnap

„Behalt´ Dein gutes Menschenbild!“ 
Demut vor dem Job – Ein Kriminalbeamter spricht über Ethik im Polizeialltag

Irgendwann war die Grenze erreicht. Da ist er auf sein Motorrad gestiegen und für ein paar Tage in den tiefsten Bayrischen Wald verschwunden. Zu einem seiner besten Freunde.

„Du hast ein Ziel: Du willst das Geständnis haben! Du willst dem Kind die Aussage vor Gericht ersparen! Und du weißt, wenn der hier jetzt sein volles Geständnis ablegt, dann ersparst du das dem Kind. Du gibst alles dafür!“

Es hat sich gelohnt, der Mann hat gestanden: Einer der Haupttäter im Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach. Er ist mittlerweile rechtskräftig zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden. Und der, der das Geständnis haben wollte, ist der Krefelder Kriminalhauptkommissar Reinhard „Chipie“ Freuen. Sieben lange Stunden hat er zusammen mit einer Kollegin aus diesem Mann die Lebensbeichte herausgefragt und einmal mehr in menschliche Abgründe geblickt.

Fahrraddiebstähle zu verfolgen wäre nichts für ihn. Zu eintönig. Der 58jährige Reinhard Freuen hat überwiegend als Ermittler von Kapitaldelikten gearbeitet. Er begann 1981 in der Bereitschaftspolizei, ging zum Streifendienst, zur Todesermittlung, weiter zur Organisierten Kriminalität über Rauschgiftdelikte zu den Sexualstraftaten.

Mit diesem Mann haben wir über einen seiner komplexesten Fälle und seine Erfahrungen mit Sexualstraftätern, über seine eigene Entwicklung und sein ethisches Bewusstsein gesprochen. Darüber, wie er es schafft, seine Gefühle zum Beispiel bei der Vernehmung des Krefelder Täters aus dem Kinderporno-Ring außen vor zu lassen. Er ist einer, der sich mit sich selbst und seinen Handlungen auseinandersetzt und aus dieser Reflexion Konsequenzen zieht.

Hier geht es zum vollständigen Bericht. (PDF zum download)

Soul
Recht und Gesetz allein reichen nicht: Bei allen Entscheidungen, die Polizist*innen in Deutschland treffen geht es um die Menschenwürde. Spätestens seit 2008 werden alle Polizeianwärter*innen in Ethik geschult. Foto: pixabay

Berufsethik bei der Polizei:

Die Würde des Menschen ist unantastbar

„Der Kurt greift auch mal so richtig durch“, sagt ein Polizeianwärter nach dem ersten Praktikum in einer Wache. Nach einem Jahr Studium an der Fachhochschule der erste Kontakt mit der Realität. Er meint das durchaus bewundernd bzw. erachtet das Verhalten von „Kurt“ für vollkommen in Ordnung.

Stopp! An dieser Stelle greift bereits in der dem Praktikum folgenden Berufsrollenreflexion der Moderator ein und fragt, ob die Erfahrungen und Ansichten des Anwärters auch ethisch tragbar sind.

Ethik… Muss das sein? Fragen sich anfangs noch viele Studierende. Ja, muss. Denn sie sollen lernen zu sehen, dass sie später im Einsatz und bei Ermittlungen immer einen Menschen vor sich haben! Egal, was der getan hat! Jeder Verbrecher, Gewalttäter, Betrüger, Mörder, Drogendealer – ja, auch der Sexualstraftäter muss von den Polizist*innen als Mensch gesehen werden. Egal, was sie selbst dabei fühlen. „Wenn sie das schaffen, also immer zu differenzieren, dann sind es gute Polizisten“, sagt Folkhard Werth.

Der Landespolizeipfarrer für die Behörden in Krefeld, Essen, Oberhausen, Duisburg, Kleve und Wesel ist einer der Seelsorger*innen, die an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, Fachbereich Polizeivollzugsdienst, Berufsethik für Polizeibeamt*innen unterrichten.

Lesen Sie hier den gesamten Bericht zur Berufsethik bei der Polizei (PDF zum download)

Zerbrochenes Glas
Wieviel Vertrauen in die Polizei ist schon zerbrochen? Ist die deutsche Polizei wirklich eine gewaltbereite Schlägertruppe? Foto: pixabay

Gewalt: Ein ethisches Dilemma - Zwang anwenden, um Gewalt zu verhindern

"Da geht es um das Aushalten des grundsätzlichen existenziellen ethischen Dilemmas polizeilicher Arbeit: Polizist*innen müssen im Grunde genommen Übles tun, um Übles zu verhindern; sie müssen Zwang anwenden, um Gewalt zu verhindern; im schlimmsten Falle müssen sie töten, um Leben zu schützen. Das ist ein inneres Paradoxon, das nicht spurlos an einem Menschen vorbeigehen kann. Denn die Polizist*innen müssen - legal und legitim - gegen den eigenen Wertecodex verstoßen, um den gesamtgesellschaftlichen Wertecodex zu schützen.

Um (auch) diesem Aspekt frühzeitig Rechnung zu tragen gibt es einen weiteren wichtigen Aspekt innerhalb des Studiums nach dem ersten Praktikum: Die Berufsrollenreflexion. Viele Polizeianwärter*innen sind behütet aufgewachsen, wechseln nach dem (Fach-)Abi direkt ein Jahr lang auf die „Schulbank“ der Hochschule, unterbrochen von den Praxisanteilen in den Ausbildungsstätten des Landesamts für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei (LAFP).

Gerade das Thema „Gewalt“

…hat nach dem ersten Praktikum einen hohen Stellenwert! Die Gespräche können hier helfen, das Erlebte einzuordnen in den Gesamtzusammenhang des Systems „Polizei“ und in die eigene Persönlichkeitsfindung. Was konnte ich mir von den „fertigen“ Kolleg*innen aneignen, wie möchte ich später (nicht) agieren? Die Polizei tut viel, um zu verhindern, dass ihre Beamt*innen "ausrasten" oder "aus der Rolle fallen".

Lesen Sie hier weiter, was Landespolizeipfarrer Folkhard Werth über die Ethikschulung berichtet, die vor unzulässiger Gewaltausübung schützen soll (PDF zum download):

 

 

Vereidigung
Polizisten in Deutschland leisten ihren Amtseid auf das Grundgesetz: Wir auch hier in Köln 2017. Foto: Polizei NRW

Monika Weinmann, Landespfarrerin für Polizeiseelsorge hielt während der Vereidigungszeremonie 2017 in der Kölner Lanxess-Arena eine Rede an die Polizeianwärter*innen und wies damals unter anderem auf die "beständige Aufgabe" hin, "unter den vielfältigen Eindrücken des Bösen den Glauben an das Gute nicht zu verlieren; und dabei der Versuchung (zu) widerstehen, den guten Zweck mit bösen Mitteln erreichen zu wollen; und nicht (zu) verzweifeln, wenn Gut und Böse gar nicht eindeutig zu trennen bzw. zu ermitteln sind." 

Hat die Polizei heute sich von diesem Weg entfernt? Sie steht in der Kritik, wie in den USA mit rassistisch motivierter Gewalt zu handeln, was natürlich nicht der Fall ist. Oder doch? Vereinzelt? In einigen Medien werden Zweifel geschürt, Demonstranten gehen auf die Straße. Wie sieht Monika Weinmann das Problem? Es spielen auch ethische Fragen eine Rolle, und da ist sie Fachfrau. 

Rassismus innerhalb der Polizei?

Fragen an Monika Weinmann, Landespfarrerin für Polizeiseelsorge

Sie sind im Rahmen ihrer Tätigkeit als Polizeiseelsorgerin mit schwierigen Themen vertraut, die weit über den Bereich der Seelsorge hinausgehen:

Ich lehre Ethik in Köln an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW. Ethik sucht Antworten auf die Frage: Wie soll ich handeln? Und da es um Polizeiethik geht, wird polizeiliches Handeln zum Gegenstand kritischer Betrachtung aus moralisch-ethischer Perspektive.

Was ist Ihrer Meinung nach wichtig an diesem Fach?

Die Studierenden geraten in das Fach Ethik mit der Unsicherheit, was Ethik denn eigentlich ist und wozu sie das brauchen. Denn man könnte ja annehmen, Recht und Gesetz zu kennen müsste ausreichend sein für den Polizeiberuf. Im Laufe der Vorlesungen erkennen sie, wie stark Ethik und Recht bzw. Moral und Rechtsanwendung zusammenhängen.

Im deutschen Grundgesetz sind ethische Grundwertentscheidungen getroffen, die wir insbesondere im Grundrechtsteil finden. Die Polizei ist diesen Grundwerten nicht nur verpflichtet. Sie ist es auch, die diesen Werten durch die Anwendung und Durchsetzung der Gesetze zur Geltung verhilft bzw. deren Einhaltung dort durchsetzt, wo sich Bürgerinnen und Bürger eben nicht daranhalten.

Gerade die in Artikel 1 des Grundgesetzes absolut gesetzte Achtung der Menschenwürde legt dem polizeilichen Handeln Grenzen auf. Diese Grenzen zu erkennen und innerlich nachzuvollziehen, ist für die Studierenden wichtig und erhellend.

Wie Monika Weinmann den Bezug zur Alltagspraxis herstellt und was sie zu den Vorwürfen, die Polizei handele rassistisch sagt, lesen sie hier im gesamten Interview mit Monika Weinmann (PDF zum download)

 

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