Mit Bischof auf Streife: Der Joker im System
Markus Bischof als Polizeiseelsorger im Saarland eingeführt
„Ich glaube, dass ich angekommen bin. Aber ich bin noch lange nicht fertig“, bilanziert Markus Bischof seine Einstiegsphase als Polizeiseelsorger der Evangelischen Kirche im Rheinland – am Abend vor seiner offiziellen Amtseinführung. Er freut sich auf den Gottesdienst, obwohl ihm Rummel um seine Person nicht ganz geheuer ist.
Aber da muss er durch: Vertreter aus Kirche und Polizei werden ihn würdigen. Einen Mann, dessen Erfahrung als Diakon, in der Kinder- und Jugendhilfe, als systemischer Berater, Mediator und Fachkraft für Prävention und Intervention bei sexuellem Missbrauch die saarländische Polizei sehr gut gebrauchen kann.
„Ich tue diesen Dienst in dem vollen Wissen, dass ich niemandem seine Last abnehmen kann. Dass ich keinen Einsatz ungeschehen mache, keine Trauer wegrede, keinen Fehler aus der Welt schaffe. Und ich bleibe trotzdem dabei. Weil ich stur genug bin zu glauben, dass es etwas verändert, wenn ein Mensch einem anderen beisteht. Mit ihm aushält. Oder besser noch: mit ihm durchhält.“
(Markus Bischof, Ausschnitt aus seiner Predigt)
Erst einmal gucken, was gebraucht wird
Zuhören. Mitfahren. Leute kennenlernen. So wollte Markus Bischof zunächst verstehen, wie dieses spezielle System Polizei funktioniert – und was von ihm gebraucht wird. „Mit eigenen Angeboten habe ich mich bis jetzt sehr zurückgehalten“, sagt er, „aber langsam bekomme ich Ideen, in welche Richtung meine Hilfe nötig sein kann.“
Mit jeder Begegnung lernt er dazu. Und mit den unterschiedlichen Aufgaben wächst das Gespür dafür, wo seine Unterstützung gefragt ist.
Seine Aufgabe ist vielfältig: Er unterrichtet an der Fachhochschule für Verwaltung und Polizei, begleitet Polizeibeschäftigte im Gespräch und im Dienst und arbeitet an Konzepten mit, die nach den erschütternden Ereignissen im Saarland entstanden sind.
Lernen. Ganz praktisch.
Bei einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt ging es mit drei Kommandos des Wach- und Wechseldienstes zu Fuß in den neunten Stock hinauf. Die Polizist:innen locker vorweg, der Seelsorger hinterher. Im sechsten Stock machte er schlapp: „Kann mal jemand meine Mama anrufen?“ Die anderen zogen ihn weiter. Oben war Bischof stolz auf sich – und beeindruckt von den Polizeibeamt:innen: Während er mit sich selbst beschäftigt war, waren diese noch immer fit für ihren Einsatz. Der sich dann auch noch als Fehlalarm erwies. „Sport“ für die Katz.
Solche Erfahrungen gehören für Markus Bischof dazu. Polizeiseelsorge vom Schreibtisch aus? „Eher nicht!“ Und das beeindruckt wiederum die Polizist:innen: Da begleitet jemand am Wochenende einen zwölfstündigen Nachtdienst, obwohl er das nicht müsste.
„Die verstehen meinen Humor“
Die Chemie stimmt offenbar auch. „Meinen Humor verstehen sie besser als so mancher Pfarrer“, stellt Bischof fest. Vielleicht, weil sein Humor etwas angeschwärzt ist … was auch bei der Polizei nicht unüblich ist.
Ebenso kommt er bei den jungen Leuten an der Fachhochschule an. Einschließlich der Erfahrung, dass ein Unterrichtsplan komplett danebengehen kann. „Das, was ich mir so ausgedacht habe, funktioniert ganz offensichtlich nicht“, erklärte er einmal den erstaunten Auszubildenden nach einer halben Stunde Unterricht. Da hatte er sein Pulver schon verschossen. Sein Rat: „Am besten gehen Sie jetzt an die frische Luft oder lesen ein kluges Buch.“
Zu seiner Überraschung würdigten die Studierenden im Feedback seine Offenheit. „Nicht so zu tun, als hätte man auf alles eine Antwort“, ist seine Devise und authentisch zu bleiben für ihn grundlegend in der Seelsorge.
Ein Raum, in dem man reden kann
„Mein Respekt wächst mit jeder Begegnung, mit jeder Schicht, die ich mitfahre. Mein Respekt vor diesen Menschen, die sich in die irrsinnigsten Situationen begeben!“
Da wird Bischof ernst. Schwere Unfälle, Gewalt, Tod, Bedrohung: Dass solche Erlebnisse etwas mit einem machen, ist für ihn „vollkommen normal. Es ist die von der Natur vorgesehene Reaktion auf hochbelastende Situationen.“ Schlaflose Nächte, Unruhe, Bilder, die nicht verschwinden wollen – der Organismus bleibt in Alarmbereitschaft.
Aber „über psychische Belastungen zu sprechen, fällt im Dienst nicht immer leicht – auch aus Sorge um berufliche Folgen. Gerade dort, wo der Dienst selbst die Belastung verursacht hat, braucht es einen geschützten Raum, in dem man offen reden kann.“
Der Joker: Vertraulich. Verlässlich. Unabhängig.
Hier hat Polizeiseelsorge eine besondere Position: „Wir sind im Grunde die Joker im System“, meint Bischof. „Wir unterliegen dem Seelsorgegeheimnis und haben ein Zeugnisverweigerungsrecht. Das kann einen gewaltigen Unterschied machen!“ Deshalb schätzt er auch die neuen Flyer der Polizeiseelsorge, deren Kernbotschaft sofort ins Auge springt: Vertraulich. Verlässlich. Unabhängig.
Eine Polizei an der Belastungsgrenze
Der Tod des saarländischen Polizisten Simon Bohr im August 2025 hat die Landespolizei tief getroffen. Noch lange danach fehlten in der betroffenen Inspektion Beamt:innen, die nicht arbeitsfähig waren. „Da ist die kleine saarländische Polizei teils noch immer bis an ihre Grenzen belastet“, sagt Bischof.
Zugleich hat das Geschehen Veränderungen angestoßen. Er arbeitet in einer Gruppe mit, die eine Studie unter saarländischen Polizist:innen auswertet. Unter anderem wird gerade die Ausbildung umgestellt und auch der Ethikunterricht verändert. Auch Prävention und Schießtrainings werden überprüft beziehungsweise intensiviert. (siehe auch Saarbrücker Zeitung)
Junge Polizeibeschäftigte sollen früh lernen, was extreme Belastung mit Körper und Psyche macht: Was ist ein Schock? Was macht Stress im Gehirn? Wann braucht jemand Hilfe? Und wie entstehen Strukturen, in denen sie angenommen wird?
Künftig sollen im Saarland auch soziale Ansprechpartner (SAP) ausgebildet werden. Die Polizeiseelsorge soll dabei und bei deren späterer Begleitung mitwirken. „Denn wer anderen zuhört, muss schließlich selbst irgendwo mit dem Gehörten hin.“
„Ich bin überhaupt nicht allein“
Abgesehen von den sportlichen Herausforderungen sind auch Blaulichtfahrten für ihn noch immer etwas Besonderes. Vor allem erlebt er, wie schnell eine Situation umschlagen kann und was die Beamten dann leisten müssen. Einsatzbegleitung wirft auch für Bischof Fragen auf. Etwa als ein vermeintlich „nur“ Alkoholisierter sich als psychisch krank und hochaggressiv erwies. Zwei Polizisten konnten ihn kaum bändigen, Bischof sorgte mit der Taschenlampe für Licht. Was, wenn die Beamten allein nicht zurechtkommen? Dürfte er eingreifen, fragte er sich, und jemanden festhalten?
Ist er mit solchen Fragen, weit entfernt von der kirchlichen Zentrale, nicht ziemlich allein? Nein, sagt er: Austausch und Supervision im Seelsorge-Team funktionierten hervorragend. „Ich bin überhaupt nicht allein.“
Auch das Vertrauen der Polizeibeschäftigten berührt ihn: „Also, ich sitze da im Auto und sie erzählen mir im Laufe des Dienstes von sich und von dem, was sie so bewegt.“ Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Und er bietet ihnen an, was ihm wichtig ist: „Das bin ich.“
"Die eigene Last bleibt die eigene. Niemand kann sie einem abnehmen. Aber niemand muss sie allein tragen."
(Markus Bischof, Ausschnitt aus seiner Predigt)
Und dann wäre da noch der Segen …
Nun also die offizielle Einführung. Dass so viele Menschen kommen und seine Arbeit würdigen, bedeutet ihm etwas. Besonders gespannt ist er auf die Reaktion auf seine Predigt: „Da ist einfach viel von mir drin.“ Dabei sein werden auch seine Frau und sein Sohn. Der hat sich etwas Besonderes vorgenommen: Er will seinen Vater segnen. Dabei habe er „mit Kirche eher gar nichts zu tun“, erzählt Bischof.
Der Vater ist gespannt. Und rechnet mit allem, denn beide teilen eine Star-Wars-Affinität: „Ich traue ihm auch zu, dass er irgendwie ‚Möge die Macht mit dir sein‘ sagt.“ Dann müsse er sehen, „dass ich nicht laut loslache“.
Angst vor seiner Einführung? Nein.
„Ich freu mich drauf.“
"Für mich als Diakon trägt jeder Mensch das Bild Gottes – nicht, weil er etwas leistet, nicht weil er stark ist oder fehlerfrei, sondern einfach, weil er ist. Diese Würde kann ihm nichts nehmen: kein Einsatz, kein Fehler, keine schwere Stunde. Und wer das glaubt, der kann gar nicht anders, als hoffnungsstur zu bleiben. Der bleibt da. Weil der Mensch vor ihm es wert ist."
(Markus Bischof, Ausschnitt aus seiner Predigt)
Gottesdienst zur Einführung von Diakon Markus Bischof
Mittwoch, 28. Oktober 2026, Polizeizentrum Guy-Lachmann Kirkel
Nein, Star Wars war es nicht. Lukas segnete seinen Vater mit den Worten: „Mögen deine Worte für andere ein Segen sein.“
„Keine Macht, kein Star Wars – und gerade deshalb hat es mich sehr berührt“, sagt Markus Bischof.
"Vielleicht habt ihr euch schon gewundert, warum auf eurem Programm ein Esel ist.
Meine letzte Stelle in der Jugendhilfe war ein Bauernhof. Und auf diesem Hof lebten zwei Esel. Geschwister: Tamy und Rosali. Die Kinder haben sie versorgt – gefüttert, gestriegelt, den Stall ausgemistet.
In meinem ersten Leben war ich Koch. Und als Koch weiß man: Liebe geht durch den Magen. Also hatte ich immer Leckerli mit Banane in der Tasche. Das wussten die beiden natürlich. Und sie haben sie sich geholt – im Team. Die eine hat sich vor mich gestellt, mich bedrängt, mich abgelenkt. Und während ich mit ihr beschäftigt war, kam die andere von hinten und hat mir die Taschen ausgeräumt.
Wenn das keine vorbildliche Einsatztaktik ist …"
(Markus Bischof, Ausschnitt aus seiner Predigt)
Wer wissen möchte, was es noch mit dem Esel auf sich hatte – hier der Link zur vollständigen Predigt.
Auf dem Programm des Gottesdienstes war es angedeutet. Unter dem Motiv des Esels stand ein Satz des Apostels Paulus:
„Helft einander, die Lasten zu tragen.“ (Galater 6,2).
Diese Botschaft von Markus Bischof ist bei seinen Gästen gut angekommen:
„Ich will für die da sein, die für andere einstehen.“
Dieses Leitmotiv von Herrn Diakon Markus Bischof bringt in wenigen Worten zum Ausdruck, worum es in der Polizeiseelsorge geht. Es beschreibt eine Haltung, die von Menschlichkeit, Wertschätzung und Verantwortung geprägt ist.
Mit dem Leitmotiv hat sich Herr Bischof eine klare und zugleich anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Er möchte für diejenigen da sein, die für andere einstehen. Das bedeutet, Menschen zu begegnen und sie auf ihrem Weg zu begleiten – manchmal mit einem guten Wort, manchmal mit einem offenen Ohr und manchmal einfach durch stille Präsenz.
Für die Wahrnehmung seiner verantwortungsvollen und bedeutenden Aufgabe wünsche ich Herrn Diakon Markus Bischof viel Erfolg, Freude, Kraft und Gottes Segen.
Ich freue mich auf eine vertrauensvolle und gute Zusammenarbeit".
Eric Schweizer, Ltd. Polizeidirektor
„Wir freuen uns sehr,
dass wir Herrn Bischof für unser Team in der Polizeiseelsorge gewinnen konnten. Er stammt aus dem Saarland und wird mit seiner fachlichen Kompetenz und zugewandten Art viel Gutes im Raum der Polizei einlegen. Er ist Diakon und hat gezeigt, dass er seinen Dienst vor allem im Mittragen von dem versteht, was Polizeibeamten und -beamtinnen belastet.
Dazu wünsche ich ihm viel Kraft und Gottes Segen.“
Volker Hülsdonk , Ltd. Landespolizeiseelsorger der Evangelischen Kirche im Rheinland
„Die ev. Kirche im Rheinland und die Ev. Kirche der Pfalz verbinden mit der Einführung von Diakon Markus Bischof als Landespolizeiseelsorger für das Saarland ihre herzlichsten Glück- und Segenswünsche.
Polizeiseelsorge ist Seelsorge ganz nahe an und bei den Menschen. Bei Menschen, die für die Allgemeinheit, uns alle, nicht selten ihre Gesundheit oder gar ihr Leben riskieren; die regelmäßig in Krisensituationen Entscheidungen treffen müssen, die oft gravierende und langfristige Konsequenzen für ihr eigenes Leben und das Leben der Menschen haben, denen sie in diesen Grenzsituationen begegnen. Deswegen sind wir als Kirche auch dankbar, dass auf Initiative von Innenminister Jost ein neuer Rahmenvertrag zur Polizeiseelsorge unterschriftsreif vorliegt, der die Bedingungen der Polizeiseelsorge deutlich verbessert.
Wir freuen uns, dass mit Markus Bischof eine Person diesen Rahmen nutzen kann, die hier ihre ganze Lebenserfahrung und berufliche Kompetenz als Seelsorger einbringen kann. Wir wünschen ihm für diesen Dienst Gottes Segen, alles Gute und viel Erfolg!“
Dr. Thomas Bergholz, Beauftragter der Evangelischen Kirchen im Saarland
"Markus Bischof ist nun bereits seit Juli 2025 evangelischer Polizeiseelsorger im Saarland. Seitdem stehen wir in engem Kontakt zueinander. In einem unserer ersten Gespräche hat Markus mir gesagt, er sei von Herzen folgender Überzeugung:
„Wer für andere einsteht, braucht selbst jemanden, der mitgeht“.
Für mich - für uns – war das der inoffizielle Auftrag, Markus Bischof als polizeifremde Person beim Einleben in unsere Behörde als „Bärenführer“ zur Seite zu stehen. Nicht zuletzt die Katastrophe um Simon Bohr hat gezeigt, wie wichtig, wie notwendig, wie bedeutsam eine präsente und verlässliche Polizeiseelsorge für uns alle ist.
Um Markus Bischofs Überzeugung nochmal aufzugreifen und leicht abzuwandeln:
"Wer für andere einsteht, braucht erst recht selbst jemanden, der mitgeht!"
Das ist unser Verein: Wir gehen mit dir, wir begleiten dich, wir ebnen Wege und öffnen Türen. Damit du, lieber Markus, deinen Dienst für unsere Kolleginnen und Kollegen machen kannst.
Sei uns herzlich willkommen!“
PHK Andreas Rinnert, stellv. Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Polizeiseelsorge im Saarland e.V., Vertreter des Saarlandes im Beirat der Polizeiseelsorge der ev. Kirche im Rheinland