„How to shit in the wood“ – oder: Wie das Feuer weiter brennt, Teil II
Wildniscamp mit Landespolizeiseelsorger Uwe Hackbarth-Schloer
„Da lief die innere Flamme nur noch auf Sparflamme“
Ingo Düster sah es gelassen. Das wenig kuschelige Ambiente des Wildniscamps in der Eifel konnte ihn nicht schrecken. Wir erinnern uns: Komposttoilette, kaltes Wasser – tröpfchenweise oder mittels Schwall aus Kanistern –, Hütten, Pritschen, Holz, Natur.
Als alpenerfahrener Wanderer kannte er Biotoiletten und kaltes Wasser. Isomatte, Schlafsack bis null Grad – fertig. Outdoor reizte ihn. „Ich hatte so das Praktische im Sinn“, erzählt der Polizeihauptkommissar aus Swisttal, „Handy aus, WhatsApp aus, Feuer machen ohne Feuerzeug, draußen sein.“
Der Mann wusste, worauf er sich einließ. Zumindest ungefähr.
Ingo Düster hat Erfahrungen mit Seminaren der Polizeiseelsorge und weiß: Die haben viel mit Ruhe und Auszeit zu tun. „Polizeiseelsorge bedeutet runterzukommen!“ Und das schätzt der Beamte sehr, der so ziemlich jedes Seminar der Polizeiseelsorge buchen würde, sofern das Thema für ihn passt.
Nur - das mit dem Feuer. Daran biss (nicht nur) er sich die Zähne aus.
Stundenlang…
Im Wildniscamp wird ausgerechnet das zentrale Thema, das Feuermachen, zur Geduldsprobe. Mit einem Feuerbohrer („bowdrill“) soll durch Reibung Glut entstehen. Das Prinzip: Holz, Reibung, Wärme, Feuer. Der in Wildnisdingen fitte (= ausgebildete!) Landespolizeipfarrer Uwe Hackbarth-Schloer erklärt, wie es geht. Sieht einfach aus.
Theoretisch.
„Ich habe tatsächlich Stunden dafür gebraucht, um die Technik rauszukriegen“, erinnert sich Ingo Düster amüsiert. Er bohrt und reibt und probiert. Und probiert weiter. Irgendwann dämmert ihm, dass es vielleicht gar nicht unbedingt an mangelnder Wildnistauglichkeit seinerseits liegt. Er holt sich Rat, tauscht die Holzarten von Brett und Spindel aus. Und siehe da: Es qualmt. Es glimmt. Es klappt.
Ruhe
Was nimmt er daraus mit? „Ruhe bewahren. Und dranbleiben, wenn man ein Ziel hat. Nicht nach zehn Minuten oder einer halben Stunde aufgeben.“ Ein ziemlich brauchbarer Gedanke. Nicht nur, wenn man gerade versucht, zwei Stück Holz davon zu überzeugen, endlich Feuer zu fangen.
Ruhe bewahren und dranbleiben – das gehört zu den Lebensweisheiten, die der 58-jährige Beamte auch sonst umzusetzen weiß. Er wandert gerne, auch mit Hund, auch mit Gattin, joggt und ist lieber draußen als vor dem Bildschirm. YouTube, Instagram und Co. braucht er nicht. „Dann guckt man auf die Uhr und denkt: Ach du Scheiße, eine Stunde ist weg.“ Seine Konsequenz: Fang gar nicht erst an.
Längst lässt er nicht mehr jede Nachricht und jedes Video an sich heran. „Weniger ist mehr, ich muss nicht alles wissen.“ Nicht von der Welt abkapseln,aber auswählen, was wirklich wichtig ist. WhatsApp geht gerade noch. „Aber der ganze andere Kram ist mir zuviel. Dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade!“
Funzel
Vom Wachdienst zum Bezirksdienst: Auch dieser Wechsel vor ein paar Jahren war sehr bewusst.
Denn im Wildniscamp ging es natürlich um mehr als „nur“ um echtes Feuer. Abends am Lagerfeuer stellte Polizeipfarrer Uwe Hackbarth-Schloer die Frage: Wofür brenne ich eigentlich? Was ist mein Feuer im Berufsalltag?
Ingo Düster weiß, wie es sich anfühlt, wenn dieses Feuer zu erlöschen droht. Fast 25 Jahre war er im Wach- und Wechseldienst. „Lange Zeit wirklich gerne.“ Doch gegen Ende wurde er zunehmend mürbe. Vertraute Kollegen gingen in Pension, Vorgesetzte wechselten immer häufiger, Zeit war ohnehin knapp. „Und jeder neue“, so empfand er es zumindest, „wollte auch das Rad mehr oder weniger neu erfinden“.
Druck
Besonders frustrierend: Vorgänge kamen zurück, die er seit vielen Jahren routiniert bearbeitet hatte. „Ich schrieb das jetzt seit über 20 Jahren so. Natürlich kann man Fehler machen und natürlich ändern sich die Dinge! Aber wenn plötzlich jeder zweite oder dritte Vorgang zurückkommt, dann fragt man sich irgendwann schon: Was ist denn jetzt los?“
Verloren gegangen war: Die Wertschätzung für seine Erfahrung.
Gerade im Wachdienst bedeutet jeder zurückgegebene Vorgang zusätzliche Arbeit. „Wieder aufrufen, wieder ändern, wieder abschicken…“ Und als dann irgendwann „auch noch an den Formulierungen im Text gemäkelt wurde“ reichte es ihm. „Da lief die innere Flamme nur noch so auf Sparflamme.“
Da bekommt so ein Feuerbohrer eine ganz andere Bedeutung: „Mehr Druck macht nicht automatisch mehr Feuer“, zog Pfarrer Hackbarth-Schloer im Wildniscamp den Vergleich zum Berufsalltag. „Und Motivation lässt sich auch nicht einfach anordnen!“
Leuchten
Was also tun, wenn die Flamme immer kleiner wird? Ingo Düster wechselte in den Bezirksdienst. Für ihn genau die richtige Entscheidung. „Die Flamme war wieder geschürt worden“, sagt er. Jetzt brenne sie „auf einer angenehmen Temperatur“.
Heute sind es vor allem die Begegnungen mit Menschen, die ihm Freude machen. Morgens kümmert er sich um die Kinder auf dem Schulweg, spricht mit Lehrern, Eltern oder anderen Behörden.
„Dieses Zwischenmenschliche, das hatte ich im Wachdienst kaum. Das ist die Flamme, die für mich jetzt leuchtet.“
Polizeihauptkommissar Ingo Düster, Seminarteilnehmer
Zeit
Und wie kostbar Zeit sein kann, schätzt Ingo Düster nicht nur im Job, sondern auch in den Gesprächen im Camp. „Abends am Feuer blieb man mal bei einem Thema. Man hört zu. Jemand erzählt weiter. Ein anderer hakt nach.“ Auch im Job hält er gern ein Schwätzchen mit den Bürgern, nimmt sich Zeit für Auskünfte. „Das ist so, wie man sich als Kind den Polizeiberuf vorgestellt hatte.“
Die Bilder, die Landespolizeipfarrer Uwe Hackbarth-Schloer in seinem Wildnisseminar mit dem Feuer(machen) vermitteln wollte, ähneln dem Erleben von Ingo Düster: Es geht nicht nur darum, ob noch etwas brennt. Es geht auch darum, wie es brennt. Da ist eine „angenehme Temperatur“ heutzutage ganz sicher ein Gewinn!
Zusammen
Zurück zum Feuerbohrer. Dranbleiben, aber eben auch nicht glauben, man müsse alles allein schaffen. Gegenseitige Unterstützung ist unter Polizist:innen nicht ungewöhnlich, die meisten wissen nur zu gut, wie sehr sie auf ihre Kolleg:innen angewiesen sein können. Dennoch braucht es Fingerspitzengefühl – wie beim Feuermachen, meint Ingo Düster: „Nicht einfach einmischen und sagen: Du musst das so und so machen. Sondern erst mal fragen: Kann ich dir irgendwo helfen?“
Für ihn gehört beides zusammen: Hilfe annehmen können – und aufmerksam genug sein, um zu bemerken, wann ein anderer welche braucht. „Bereitschaft in beide Richtungen.“
Einfach
Polizeihauptkommissar Ingo Düster hat die Zeit im Wildniscamp gutgetan. Kein Dauerfeuer an Informationen, kein permanentes Müssen. Stattdessen Holz, Feuer, Essen, Gespräche und Reduktion auf einfache Dinge. „Man kann auch mit ganz einfachen Sachen lecker satt werden“, sagt er und meint die Möhren, die mit dem Messer am Feuer zubereitet wurden.
Und keine Angst vor „zu viel Bibel“. Ingo Düster empfindet die spirituellen Impulse, die kleinen Gedanken der Polizeiseelsorger:innen in ihren Seminaren zum Beispiel vor den Mahlzeiten als sehr angenehm. „Nichts Aufgesetztes. Das gibt einen Anker. Gibt Ruhe. Gibt Impulse zum selbst Nachdenken.“
Bewusst
Noch ein letztes, ein allerletztes Mal (Versprochen!) zurück zum Feuer machen mit dem Feuerbogen.
Auch wenn es sehr schwierig ist. Und stundenlang dauern kann. So wirklich einen praktischen Nutzen habe das ja eher nicht für ihn, meint Ingo Düster mit Blick auf seinen Alltag.
„Aber es war schön, damit zu arbeiten. Man kommt irgendwann so ein bisschen in den Flow rein. Ich habe mir ein wenig Zeug davon mitgenommen. Ich werde das auf jeden Fall nochmal zu Hause ausprobieren.“
Die Flamme leuchtet. Wieder. (Hoffentlich nicht) Überall…
Bericht: Barbara Siemes