„Der Amtseid ist das Fundament. Wenn man den einfach nur runtererzählt, dann ist er leer.“
„Ich schwöre,
dass ich das mir übertragene Amt nach bestem Wissen und Können verwalten,
Verfassung und Gesetze befolgen und verteidigen,
meine Pflichten gewissenhaft erfüllen
und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.
(So wahr mir Gott helfe.)“Eidesformel der Polizei sowie aller Beamt:innen in NRW
Vor über 30 Jahren hat auch EPHK Frank Spinnraths diesen Eid abgelegt. „Vieles ist heute verschwommen“ sagt er, „ aber nicht alles. Meine dominanteste Erinnerung ist der Stolz!“ Das kommt ohne Zögern. „Ich war stolz, da vereidigt zu werden – vor meiner Familie und vor den anderen.“
Vielleicht werden dies auch die etwa 3000 Polizei- und Regierungsinspektoranwärter:innen spüren, die am 15. April 2026 gemeinsam ihren Amtseid während der Zentralen Vereidigungsfeier des Landes NRW in der Kölner Lanxess-Arena schwören. Eine feierliche Zeremonie! Schon lange beteiligt: Polizeiseelsorger:innen der evangelischen und katholischen Kirche, Jahr für Jahr im Wechsel. Sie stellen ihre Arbeit vor, bieten Unterstützung an und zeigen Wege auf, wie später auch die Schattenseiten des Polizeiberufs bewältigt werden können.
„Zum ersten Mal in Galauniform.“
Aber wie ist es, wenn dieser Amtseid Jahrzehnte zurückliegt? Wie ist den Beamt:innen dieser Schwur im Laufe der Dienstjahre wieder begegnet? EPHK Frank Spinnraths, Wachleiter der Polizeiinspektion Süd, ein Düsseldorfer Urgestein, kann sich noch sehr gut erinnern.
Seine Vereidigung fand im Kreis der Kolleg:innen seines Jahrgangs der Bereitschaftspolizei in Selm-Bork (heute LAFP) statt, in einer großen Halle, „damals noch kasernenartig.“ Die Familien dabei. Alle ein bisschen angespannt. Neben dem Schwur war da noch ein zweiter Moment, der sich bei Frank Spinnraths festgesetzt hat: „Das Singen der Nationalhymne – das fand ich ganz, ganz beeindruckend.“
„Da wurde mir klar, was ich da eigentlich tue.“
Es sind schon sehr gewichtige Sätze, die den Amtseid der Polizistinnen und Polizisten ausmachen: Es geht um Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie… Ein Schwur mit weitreichenden, lebenslangen Konsequenzen.
Der Treueeid verlangt, dass man auch gegen die eigene Überzeugung handeln, Neutralität und Objektivität gegenüber Leuten wahren muss, die Straftaten begangen haben. Aber er verpflichtet im Gegenzug auch den Dienstherren, für die Polizist:innen und ihre Familien zu sorgen!
Für Frank Spinnraths ist der Amtseid „das Fundament des Polizeiberufs“. Ein Eid auf die Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen, letztlich auf die Bundesrepublik Deutschland! Was das bedeutet, erschließe sich jedoch nicht an einem Tag, „erst im Laufe der Jahre wird das immer klarer“, meint er, „das füllt sich nach und nach mit Leben.“
Aber manchmal sehr plötzlich…
Gegen Ende des Nachtdienstes noch ein Einsatz. Schüsse. Unübersichtliche Lage. „Wir sind in eine Schießerei geraten. Wie in einem schlechten Film!“ Plötzlich: Ein Unbeteiligter läuft durch das Schussfeld, auch das noch! „Ich bin dahin und habe den da einfach weggerissen. Gegen seinen Willen. Der fing noch an zu diskutieren!!“ Frank Spinnraths schüttelt den Kopf. Er erinnert sich genau. „Ich setze jetzt mein Leben aufs Spiel, um seins zu retten.“ Und versteht im selben Moment, „das ist ja genau das, was ich beeidet habe!“
Und leiser: „Ich habe das nicht nur gesagt. Ich bin dazu bereit.“ Immer! Und bis heute.
„Auch der schlimmste Straftäter bleibt ein Mensch – und hat eine Würde.“
Der Amtseid ist kein gerader Wegweiser. Er ist eher ein Spannungsfeld.
Denn der Beruf hinterlässt Spuren und Zweifel: „Es gibt nichts, was ich nicht schon erlebt habe“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar und meint damit, dass er quer durch seine vielen Einsätze so ziemlich alles mitgenommen hat… an Vorstellbarem und Unvorstellbarem, an menschlichen Abgründen. Er weist auf den „alternativen Amtseid“ hin, den man in der Ausstellung „Grenzgang“ im Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) der Polizei Nordrhein-Westfalen in Selm findet. Dort haben Polizist:innen den Amtseid ´übersetzt` und aufgeschrieben, was er ihnen tatsächlich im Berufsalltag abverlangt...
Ich bin bereit…
… da zu sein, wenn andere in Angst erstarren, sich zitternd abwenden oder in Panik flüchten!“
… meine Gesundheit und mein Leben zu riskieren, um die Sicherheit anderer zu gewährleisten!“
… im Ernstfall auf einen Menschen zu schießen und gegebenenfalls zu realisieren: „Ich habe getötet!“
… im Einsatz für das Gute auch immer wieder dem Bösen zu begegnen!“
… in wirklich jeder Situation die Würde des anderen anzuerkennen!“
… in der Rolle des Helfers auch mein Scheitern auszuhalten!“
… den Verführungen der mir übertragenen Macht zu widerstehen!“
… immer wieder eigene Interessen und Menschen, die mir nahestehen, zu vernachlässigen und gegebenenfalls auch deren Verlust zu ertragen!“
… bei alledem auf Dank und Wertschätzung der Öffentlichkeit häufig zu verzichten!“
"Alternativer Amtseid" _ Grenzgang (LAFP)
„Der Eid verpflichtet mich, die Verfassung zu schützen.“
„… aber die Verfassung schützt eben auch Dinge, die ich persönlich schwierig finde.“ Zum Beispiel bei Protestaktionen. „Wir mussten Demonstrationen schützen, deren Inhalte ich persönlich belastend fand.“ Was das konkret heißt: „Ich bin bereit, auch Leute zu schützen, mit denen ich privat nichts zu tun haben möchte… Bis hin zu Verbrechern.“ Eine kleine Pause. „Das hat mit Professionalität zu tun.“
Ein „alter Hase“
Es ist ein Beruf, der für diesen Mann Berufung ist, das strahlt er mit jedem Satz aus. Frank Spinnraths ist seit über drei Jahrzehnten bei der Polizei. Angefangen hat er 1990 – im mittleren Dienst, den es heute in Nordrhein-Westfalen nicht mehr gibt. In Selm-Bork war die Ausbildung. Bereitschaftspolizei. Vereidigung. Von Beginn an eingesetzt.
Weiter ging es für den Düsseldorfer Beamten in den Streifendienst in Bilk, damals noch „Schutzbereich 1“, später Polizeiinspektion Südwest. Ein klassischer Einstieg. Dann der zweite Bildungsweg: Studium an der Fachhochschule. Als Polizeikommissar kommt er zurück. Wird Wachdienstführer, später Dienstgruppenleiter. Weitere Stationen: Objektschutz. Altstadt. Stabsstelle. Führungsfunktion. Schließlich Wachleiter. Viele Stationen. Viele Rollen. Ein Beruf, der sich verändert – und der einen verändert. Aber mittendrin und täglich bleibt: Dieser Eid, mit all seinen Konsequenzen.
Mit sehr viel Empathie
Als Führungskraft, als ehrenamtliches Mitglied der Beiräte von Polizeiseelsorge und Notfallseelsorge und in seiner Aufgabe als Disziplinarbevollmächtigter hat Frank Spinnraths eine breite Kenntnis (nicht nur) der psychischen Belastungen und ethischen Konflikte, die sein Beruf mit sich bringen kann. Nicht alle jungen Polizist:innen, die den Eid geschworen haben, bleiben dabei … „Manche merken früh, dass sie diesen Beruf nicht aushalten. Da sehen junge Menschen Dinge, die eine Menschenseele eigentlich nicht sehen muss.“
Heute spiele die seelische Gesundheit eine viel größere Rolle als früher, sagt Frank Spinnraths. „Auch mir ist es sehr wichtig, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Seele gesund nach Hause gehen!“ Daher schätzt er die Bedeutung der Polizeiseelsorge und aller psychosozialen Unterstützungsmaßnahmen innerhalb der Polizei hoch ein. Er findet es richtig, dass die Polizeiseelsorger:innen bei den Vereidigungen ganz selbstverständlich dabei seien.
Und es gilt für alle, betont er, „egal ob jemand gläubig ist oder nicht – Polizeiseelsorge ist für jeden da.“ Gerade das zähle! „Nicht missionierend. Einfach präsent.“
„Sie stehen da und sagen: ‚Wir sind da. Heute – und auch später, wenn ihr uns braucht`. Das finde ich unfassbar wichtig.“
„Der Amtseid beschäftigt mich in jüngster Zeit wieder intensiver...“
Frank Spinnraths kommt ans Nachdenken. Das gesellschaftliche Bild habe sich sehr gewandelt, und so „muss man sich immer wieder neu vergegenwärtigen, was man da eigentlich unterschrieben hat“. Ein Beispiel: Der Umgang mit Parteien am politischen Rand. „Ist es gedeckt vom Eid, wenn ein Polizeibeamter Mitglied in der AfD sein möchte?“
Er wägt ab. „Auf der einen Seite ist das eine demokratisch gewählte Partei. Aktuell sitzt sie als größte Oppositionspartei im Deutschen Bundestag, ist Bestandteil unserer demokratischen Grundordnung.“ Dann müsse es auch erlaubt sein, sich zu dieser Partei zu bekennen.
Oder nicht? „Eigentlich ist es mit den Grundwerten, die wir haben, nicht vereinbar, sich mit einer solchen Partei gemein zu machen!“ Ein Dilemma, das kaum lösbar ist. Was aber bleibt ist der Eid, „dass ich die Verfassung schützen werde.“ Also in letzter Konsequenz auch Verfassungsfeinde vor Angriffen von Gegendemonstranten schützen zu müssen. Das empfindet er als belastend.
„Solche Spannungsfelder treten immer wieder auf und die haben ganz viel mit dem Eid zu tun, finde ich. Weil ich selbstverständlich auf dem Boden des Grundgesetzes stehe!“ Aber das Grundgesetz lässt auch Widersprüche zu, „und das müssen wir dann aushalten.“
„Gleichzeitig bin ich aber auch der festen Überzeugung, dass unser Versammlungsrecht eines der höchsten Güter ist, die wir überhaupt haben in der Welt.“
Hypothetische Frage: Sollte man beim Amtseid vielleicht etwas nachjustieren? Nein. Frank Spinnraths ist dagegen. „Ich finde den Amtseid schon richtig. Man muss sich vielleicht mal überlegen, wie wir mit solchen Belastungen für die Demokratie umgehen.“
„Einmal Beamter, immer Beamter“
„Sie können am Ende nicht sagen: Jetzt bin ich raus, jetzt verstoße ich gegen alles.“ Im Gegenteil. Bis in den Ruhestand verfolgt einen der Amtseid, „auch als Rentner können Sie noch disziplinarrechtlich belangt werden.“ Zum Beispiel bei Unterstützung extremistischer Bestrebungen oder durch Nutzung früherer Kontakte bzw. Insiderwissen. Auch einfach mal wieder aufzutreten als Polizist, obwohl man nicht mehr im Dienst ist, kann geahndet werden. Das geht über die Kürzung des Ruhegehalts und – im Extrem – bis hin zur Aberkennung.
Wichtig ist Frank Spinnraths, dass der Eid selbst kein bloßes Ritual sein darf. „Wenn man den einfach nur runtererzählt, dann ist er leer.“ Man müsse ihn verstehen. Vorher!
„Ich muss mir schon die Frage stellen: Bin ich bereit, das auch umzusetzen – bis in die letzte Konsequenz!?“
Bericht: Barbara Siemes
Foto Headerbild: Polizei Köln